Winkelfehlsichtigkeit ein Phantom?

Eine Anleitung für Eltern zum besseren Verständnis der verwirrenden Begriffe

Winkelfehlsichtigkeit – Begriffsbestimmung

Der Begriff Winkelfehlsichtigkeit wurde von R. Virkus 1987 geprägt. Es handelt sich um die Eindeutschung des Wortes Heterophorie, der so nicht zulässig ist. Durch die Erfindung dieses Begriffes wird so getan, als ob es sich um einen behandlungsbedürftigen Sehfehler, also eine Erkrankung handelte. Als wissenschaftlich eigenständiger Begriff ist er nicht akzeptiert. Wenn es sich bei der Winkelfehlsichtigkeit tatsächlich um eine Erkrankung handelte, gehörte ihre Behandlung auch in die Hände eines Arztes, da Optiker keine Heilkunde ausüben dürfen.

Heterophorie – Begriffsbestimmung

Bei der Heterophorie handelt es sich um eine versteckte, nur unter bestimmten Bedingungen deutlich werdende Schielstellung. Das beidäugige Zusammenspiel der Augen und das räumliche Sehen sind nicht beeinträchtigt.
Beschwerden
Manchmal kommt es bei Patienten mit einer Heterophorie zu Beschwerden im Sinne von Brennen, diffusen Schmerzen hinter dem Auge, Tränen oder Ermüdungsgefühl. Diese Beschwerden heißen Asthenopie oder asthenopische Beschwerden. Da oft sehr komplizierte und vielschichtige Ursachen dahinter stecken, bedürfen sie einer sorgfältigen ärztlichen Abklärung. Die Verordnung von Prismen ohne medizinische Abklärung ist falsch und kann dazu führen, dass wesentliche Erkrankungen übersehen werden . Eine einfache Heterophorie kommt bei einer sehr großen Zahl von Patienten vor, verursacht keine Beschwerden  und bedarf keiner Prismen-Therapie.
Die Lage ist für Patienten und deren Angehörige ist unübersichtlich. Optiker, Optometristen, Ergotherapeuten und unseriöse Sehtrainer mischen in der Diskussion mit. Sie behaupten sogar Legasthenie, Hyperaktivität sowie Lese- und Konzentrationsschwierigkeiten mit Prismen therapieren zu können. Patienten mit diesen Erkrankungen und deren Angehörige sind oft verzweifelt und greifen nach jedem Strohhalm.
Selbstverständlich sollen solche Patienten einem Augenarzt vorgestellt werden. Sie bedürfen einer sorgfältigen medizinischen Kontrolle, nicht selten lindert eine sorgfältige Brillenbestimmung nach Erweiterung der Pupille die Beschwerden. Eine Heilung von Legasthenie und AHDS zu versprechen wäre allerdings unseriös.
Behandlung durch Nicht-Augenärzte
Verfechter der MKH Methode empfehlen den Verkauf von Prismen durch Optiker und ein langfristiges Tragen von Prismen-Brillen. Dabei werden handwerklich-messtechnische Verfahren für Optiker mit wissenschaftlich-fachärztlichen Begriffen vermischt. Daraus wird der Anspruch abgeleitet, dass Optiker bei Beschwerden des beidäugigen Sehens mit einer vermeintlich ursächlichen Therapie helfen könnten.
Erfolgreiche „MKH-Therapeuten“ sind meist sehr redegewandt und haben ein überzeugendes Auftreten, dies verstärkt ihre auf dem Placebo Effekt beruhenden Erfolge. Mit wissenschaftlich fundierter Medizin hat das aber nichts zu tun. Es gibt keine einzige Studie, die einen Effekt von Prismen-Brillen auf Legasthenie, AHDS oder andere Konzentrationsschwächen nachweist.

Warum gibt es einen vermeintlichen Effekt?

Das Gehirn muss die Bilder beider Augen zu einem einzigen verschmelzen, dieser Vorgang ist physiologisch. Er bedarf eine Anstrengung der äußeren Augenmuskeln und einer feinen Regulation. Insbesondere im Nahbereich wird er durch die Prismen erleichtert. Das langfristige Tragen von Prismen-Brillen führt aber nach einiger Zeit zu einem Gewöhnungseffekt, der eine höhere Prismen-Dosierung erforderlich macht, um die angenehme Sehweise aufrecht erhalten zu können.
Eine Erhöhung der Prismen-Dioptrien bedeutet aber neue Gläser kaufen zu müssen, die zusätzlich schwerer sind als die vorherigen – ohne das eine wirkliche Therapie stattgefunden hat. Ein für Optiker übrigens sehr lukratives Geschäft.
In 30% der Fälle führt die regelmäßige Verstärkung der Prismen sogar dazu, dass eine ansonsten vermeidbare  Schieloperation notwendig wird.

Schlusswort

Der Verdacht auf eine Fehlsichtigkeit sollte bei einem Augenarzt mit Sachverstand für Schielprobleme abgeklärt werden. Er muss über die hierzu notwendigen diagnostischen Möglichkeiten und das Fachwissen auf diesem Gebiet verfügen. Die Zusammenarbeit mit Optikern und Ergotherapeuten bleibt bei entsprechender Auffälligkeit des Patienten unbenommen.
Eine Behandlung mit teuren Mitteln, die langfristig die Situation sogar verschlechternden können, mit Mitteln, die ungeeignet sind die notwendigen Ziele zu erreichen, sollte unterbleiben.
Dr. Dirk Ohlhorst, Hachenburg
Quelle: Nach einem Schreiben von PD Dietlind Friedrich: Winkelfehlsichtigkeit eine Begriffsverwirrung ( WWW.Augeninfo.de)